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Wissen

Mörderisch, aber legal

(31.07.2011) Dumpingpreise und Spekulation treiben Millionen Hungernde in den Tod. Warum ist das so? Fragen an Jean Ziegler, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrats, im Connection-Verlag.

'Nestlé geht weiterhin aggressiv in den Markt beispielsweise für Babynahrung, obwohl es von der Weltgesundheitsorganisation verboten wurde, Muttermilch zu verteufeln.'

Laut Uno- Welternährungsbericht 2010 sterben täglich 37 000 Menschen an Hunger. Gibt es genügend Nahrungsmittel für die wachsende Menschheit?

Ganz sicher! Niemand bestreitet die Zahlen des Welternährungsberichts 2010. Er stellt fest, dass die Landwirtschaft heute problemlos 12 Milliarden Menschen, also das Doppelte der Erdbevölkerung, ernähren könnte. Gleichzeitig verhungert alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. Es gibt keine Fatalität mehr. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

Woran liegt es, dass die Nahrungsmittel nicht gerecht verteilt werden?

An erster Stelle zu nennen ist das Agrardumping der Industriestaaten. Sie haben 2010 ihre Bauern mit insgesamt 349 Milliarden Dollar Produktions- und Exportsubventionen unterstützt. Die Folge: Auf jedem afrikanischen Markt kann man heute Früchte, Gemüse und Geflügel aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien oder Portugal kaufen für die Hälfte des Preises, den die lokalen Produkte kosten. Ein paar Kilometer weiter rackert sich der afrikanische Bauer mit seiner Familie ab und hat nicht die geringste Chance, auf ein Existenzminimum zu kommen.

Was tut die Europäische Union?

Die Scheinheiligkeit der Kommissare in Brüssel ist abgrundtief. Einerseits fabrizieren sie den Hunger durch das Agrardumping, und anderseits haben sie die Frontex-Organisation, eine halb geheime Militärorganisation, aufgebaut, um die Hungerflüchtlinge an der Südgrenze Euro¿pas ins Meer zurückzuwerfen. Ein Beispiel: Auf den Kanarischen Inseln sind im letzten Jahr 32 000 Hungerflüchtlinge von den spanischen Behörden registriert worden. Etwa ein zusätzliches Drittel ist im Meer ertrunken.

Gibt es noch andere Ursachen?

Hinzu kommt die Auslandsverschuldung der afrikanischen Staaten. Die Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) zerstört die Nahrungsmittelsouveränität in diesen Ländern. Der IWF fördert die Exportlandwirtschaft, damit die Länder Devisen erwirtschaften, um ihre Schulden bei den großen internationalen Banken bedienen zu können. Wo Baumwolle für den Export angebaut wird, wächst kein Maniok. Und der Hunger der afrikanischen Bevölkerung steigt.

Welche Rolle spielen die Spekulanten an den Nahrungsmittelbörsen?

Seit Beginn der Finanzkrise wurden über 82 000 Milliarden Dollar an Vermögenswerten vernichtet. In dieser Zeit sind die Hedgefonds der Großbanken auf die Agrarrohstoffmärkte umgestiegen. Sie machen dort Riesenprofite auf Reis, Mais und Getreide, die zusammen mehr als siebzig Prozent aller in einem Jahr konsumierten Nahrungsmittel ausmachen. Die Grundnahrungsmittelpreise sind explodiert. Entsprechend dem Index der Weltbank sind seit 2008 die Preise für Mais um 73 Prozent gestiegen, für Getreide um 110 Prozent und für Reis um 64 Prozent.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Eine Tonne Getreide wird heute für 270 Euro gehandelt. Im Januar 2010 kostete die Tonne noch 110 Euro. Professor Heiner Flassbeck, Chefökonom der UN-Entwicklungsorganisation UNCTAD, stellt im Blick auf diese Preisexplosion fest, dass 2008 der reine Spekulationsprofit für die drei wichtigsten Grundnahrungsmittel Mais, Reis und Getreide im Durchschnitt 37 Prozent des Preises betrug. Am 2. Februar dieses Jahres hat die Welternährungsorganisation FAO eine Alarmmeldung herausgegeben: Achtzig Länder sind wieder an der Schwelle zum Nahrungsmittelmangel, also an der Schwelle zum Absturz in den Hunger.

Wie arbeiten Nahrungsmittel-Spekulanten?

Zum Beispiel liegen bei den Großbanken an der Genfer Rue du Rhône Werbeprospekte für Exchange-Zertifikate für Reis auf. Pensionskassen, institutionelle Anleger und Privatleute können diese Zertifikate kaufen mit der Aussicht auf einen jährlichen Reingewinn von 30 bis 35 Prozent. Die Spekulation ist absolut mörderisch, aber total legal. So kann man Termingeschäfte machen, Short Sellings, Live¿rages und weitere Börseninstrumente anwenden, ohne je ein Korn Reis gesehen zu haben. Moralisch handeln die an solchen Operationen Beteiligten verbrecherisch.

Welche Rolle spielen die Agrartreibstoffe?

Nahrungsmittel zu verbrennen, um Millionen Autos am Laufen zu halten, bedeutet ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Bis 2010 haben die USA 140 Milliarden Liter Bioethanol durch das Verbrennen von Nahrungsmitteln hergestellt. Die EU will bis 2020 zehn Prozent des Energiebedarfs der 27 EU-Staaten mit pflanzlicher und nicht mehr mit fossiler Energie decken. Agrartreibstoffe statt Benzin. 2008 haben die USA fast die Hälfte ihrer Mais¿ernte, 138 Millionen Tonnen, und Hunderte Millionen Tonnen Getreide für die Herstellung von Bioethanol und Biodiesel verbrannt, um ihre Abhängigkeit von Erdöl¿importen zu brechen. Für eine 50-Liter-Tankfüllung eines Biosprit-Autos müssen 358 Kilo Mais verbrannt werden. Mit dieser Menge lebt ein Kind in Sambia oder Mexiko ? dort ist Mais Grundnahrungsmittel ? ein Jahr lang. Nahrungsmittel zu verbrennen, um Millionen Autos am Laufen zu halten, bedeutet ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Wie groß ist die Macht der Nahrungsmittelkonzerne wirklich?

Die zehn transkontinentalen Privatgesellschaften, die den Weltagrarmarkt beherrschen, kontrollieren nicht nur die Preisbildung, sondern auch die Produktion, die die Silo-Lagerung des Getreides, Transportketten, Verarbeitung und Ladenketten umfasst. Gemäß den Regeln des sogenannt freien Marktes ist diese kartellartige Kontrolle legal. Zugleich sind die Staaten gegenüber diesen Konzernen machtlos. Als Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates sehe ich immer wieder, dass es Länder gibt, die von diesen Konzernen ferngesteuert sind. Wenn etwa der australische Botschafter redet, reden die Vertreter der Konzerne Syngeta, Bungee und Cargill. Sie verhindern die nötigen Reformen.

Können Nahrungsmittelkonzerne wirksam kontrolliert werden?

Kaum. Sie funktionieren nach dem Prinzip der Profitmaximierung. Ich nehme als Beispiel Nestlé, den größten Nahrungsmittelkonzern der Welt. Nestlé-Chef Peter Brabeck jagt jedes Jahr den Shareholder-Value hinauf. Das heißt: Er drückt die Preise, die Bauern für Kaffee, Kakao und Milch erhalten, immer weiter runter. Nestlé geht weiterhin aggressiv in den Markt beispielsweise für Babynahrung, obwohl es von der Weltgesundheitsorganisation verboten wurde, Muttermilch zu verteufeln.

Wie weckt Nestlé dennoch Interesse für künstliche Babynahrung?

Ärzte in afrikanischen Kliniken, die mit Nestlé zusammenarbeiten, preisen den Müttern künstliche Babynahrung an. Den Müttern, die überzeugt werden, dass ihre Milch nicht gut genug ist, fehlt aber das Geld für die vollständige Ernährung ihrer Babys mit künstlicher Pulvernahrung. In ihrer Not mischen die Mütter das wenige Milchpulver, das sie kaufen können, mit Wasser, das oft verseucht ist.

Hat die Schweiz keine Handhabe dagegen?

Weil das Werbeverbot für künstliche Babynahrung juristisch gesehen einer Weltgesundheitskonvention entspricht, die die Staaten unterzeichnet haben, müsste die Schweiz als Heimatstaat von Nestlé diesen größten Nahrungsmittelkonzern der Welt dazu zwingen, sich konventionskonform zu verhalten. Ich sehe aber kein Schweizer Regierungsmitglied, das den Mut hätte, auch nur die Telefonnummer von Nestlé-Chef Brabeck zu wählen, um die Einhaltung des internationalen Rechts einzufordern. Weil dies unterbleibt, sind Konzerne wie Nestlé fast allmächtig. Gestoppt werden können sie nur von der Zivilgesellschaft der einzelnen Länder.



Aus http://www.connection.de/. Das Interview führte Wolf Südbeck-Baur. Erstabdruck dieses Interviews in Publik-Forum Ausgabe Nr. 11/2011, im Dossier »Hunger im Überfluss«. http://www.publik-forum.de/

Jean Ziegler war Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Heute ist der 76-jährige Soziologe Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrats. Er schrieb 2009 das aufrüttelnde Buch: »Wie kommt der Hunger in die Welt?«



Jean Zieglers nicht-gehaltene Festspielrede 2011: Der Aufstand des Gewissens

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Lesen Sie hierzu auch: Ein Hektar vom Planeten Erde aus der Rubrik Wissen.

 

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